Ärmelloser Habit |
Ralf Kafka |
Ärmelloser Habit
1999 trat ich meine Stelle als katholischer Klinikseelsorger in den St-Vincentius-Kliniken
in Karlsruhe an. Sie waren mit ihren über 800 Belegbetten die größte
Klinik in Deutschland in katholischer Trägerschaft. Als Ordensmann hatte
ich die Wahl, entweder im Habit (Ordensgewand) oder mit Straßenkleidung
die Kranken zu besuchen. Ich entschied mich für Letzteres.
2006 wurde mir bewusst, dass in wenigen Jahren auch die letzte Ordensschwester
das Haus verlassen haben wird. Durch meine Kleidung wollte ich jedoch ein Zeichen
setzen, dass in den St-Vincentius-Kliniken noch ein Ordensmann als Seelsorger
tätig ist. Dies wollte ich auch durch meine Kleidung zum Ausdruck bringen,
nicht nur durch meine Anrede Bruder Klaus. Für die Besuche
der Kranken auf den Intensivstationen musste ich immer einen Schutzkittel anziehen,
damit die Kranken nicht durch an der Kleidung haftende Bakterien und Viren erkranken.
Dieser Schutzkittel würde jedoch den weit geschnittenen Ärmel mit
breiter Stulpe meines Habits komplett nach oben schieben. Daher ließ ich
mir auf eigene Kosten einen Habit mit kurzen Ärmel nähen.
November 2006 zog ich diesen ärmellosen Habit an. Es war nach 7 Jahren,
in denen ich ständig mit kurzärmligen Hemd zu den Kranken ging, eine
große Neuerung für das Personal. Sie wurde auch mit großem
Widerstand begegnet. In den beiden Monaten bis zum Jahresende fragten mich zwei
Angestellte der Klinik, warum es diesen Wechsel in der Kleidung gibt und warum
dieser Habit keine Ärmel hatte. Bei diesen beiden Menschen hatte ich den
Eindruck, dass sie echtes Interesse an der Sache hatten.
Die Reaktion der anderen MitarbeiterInnen waren anderer Natur Sie kamen mit
vorgefassten Meinungen und wollten auf mich einwirken, dass ich doch meine Arme
bedecken solle. Die Versuche, korrigierend auf mich einzuwirken, waren sehr
unterschiedlich und lassen sich in dem Satz zusammenfassen: Je frommer,
desto schlimmer.
In diesen Wochen lernte ich viel über die Kommunikationsstile der Menschen
und ihrer offensichtlichen Motivationen.
|
Typ |
Wörtliche Rede |
Wirkung |
|---|---|---|
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Interessierte |
Hat es einen bestimmten Grund, dass Ihr Habit keinen Ärmel hat? |
Der Fragende zeigt vorurteilsloses Interesse an der Sache, das zu einem wohligen Gefühl führt. |
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Kontrolleur |
Warum hat Ihr Habit keine Ärmel? |
Der Fragende will eine Rechtfertigung, weshalb der Habit keine Ärmel hat. Dies führt zum Rechtfertigungsdruck |
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Moralist |
Das sieh schrecklich / unmöglich aus. Das ist unanständig / unmöglich! |
Die Wertungen drücken einem einen Stempel auf. Man fühlt sich
in der Qualitätsprüfung durchgefallen. |
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Fürsorgende |
Ich will nicht, dass Sie Ärger mit dem Bischof oder Ihren Oberen bekommen. |
Die Fürsorge wirkt aufgesetzt, um sich selbst dahinter zu verstecken. Es wird versucht, durch Angst Veränderung herbeizuführen. |
|
Mitleidende |
Ich friere, wenn ich Sie so sehe. |
Durch diese Rückmeldungen soll der Ausbrecher aus einer Norm wieder
in die Reihen zurückgeholt werden. * |
| Drohende | Ich weiß nicht, was Ihre Mitbrüder dazu sagen. | Es wird suggeriert, dass jemand, der Macht über mich hat, mit dem ärmellosen Habit nicht einverstanden ist. |
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Offene |
Der Anblick ist für mich ungewohnt. |
Die Wirkung der Neuerung wird ausgedrückt. Es ist auch eine Bereitschaft zu hören, sich irgendwann daran zu gewöhnen. |
Das Gespräch mit einer sehr kirchentreuen Frau, war für mich sehr
interessant: Sie begann etwas schüchtern, dass sie mir etwas sagen wolle.
Es erfolgte sogleich ihre Wertung über meinen ärmellosen Habbit. Im
weiteren Gesprächsverlauf lobte sie sich damit, dass sie mit mir sprach
und nicht über mich, um sich gleich darauf zu verplappern, dass
sie schon mit einer Nonne über den ärmellosen Habit gesprochen habe
und diese Nonne sie an mich verwiesen habe. Wie viele anderen Menschen fragte
auch sie nicht nach meiner Motivation zum ärmellosen Habbit. Nachdem ich
sie ihr nannte, ließ sie nicht von ihrer Haltung ab. Dies hätte schließlich
bedeutet, dass sie sich mit ihrem (Vor-)Urteil geirrt hätte. Das hätte
ein weiterer Gesichtsverlust bedeutet. Da bleibt sie lieber bei der vorgefassten
Meinung, dass ein ärmelloser Habbit nicht zu einem Ordensmann steht.
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